Erschienen am 30.07.1997 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»
bl. Dies ist eine Mitteilung der Polizei: Wir dürfen uns alle als Schafe fühlen. Auf grossen Plakaten, die in Bahnhöfen zu finden sind, führt die Kantonspolizei uns eine Schäferidylle vor Augen. Der Text dazu lautet: «Wir kümmern uns um die Sicherheit aller! Wir sind Kriminal-, Sicherheits- und Verkehrspolizei. Kantonspolizei Zürich.» Und abgebildet ist eine Herde weisser und schwarzer Schafe in der grünen Natur, bewacht von einem ruhenden Schäferhund und einem Schäfer, der einen Mantel trägt, auf den Colombo stolz wäre. Hier offenbart sich die Traumwelt des guten Polizisten: Sein Leben könnte ja so einfach sein, wenn die Menschen, mit denen er zu tun hat, sich gefügig wie eine Herde Schafe dirigieren liessen. Leider hat dieses Bild einer heilen Welt nicht viel zu tun mit der rauhen Wirklichkeit, in der so viele Menschen dazu neigen, wider den Stachel zu löcken, und jedenfalls partout nicht von der Obrigkeit als Schafe behandelt werden wollen. Das ist keine Welt für Ordnungshüter, die auf ihren Hirtenstab gestützt sinnierend in der grünen Wiese stehen. Der Kantonspolizei ist daher dringend zu raten, aus ihren Träumereien wieder in den Alltag zurückzukehren und sich nicht weiter auf Schafsköpfe einzulassen – auch nicht in der Werbung. Im übrigen hofft man, das Beispiel mache nicht Schule. Man stelle sich nur einmal vor, die Steuerbehörden kämen auf die Idee, Imagewerbung zu betreiben mit geschorenen Schafen!
