Oh wir Schafe!

Erschienen am 30.07.1997 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»

bl. Dies ist eine Mitteilung der Polizei: Wir dürfen uns alle als Schafe fühlen. Auf grossen Plakaten, die in Bahnhöfen zu finden sind, führt die Kantonspolizei uns eine Schäferidylle vor Augen. Der Text dazu lautet: «Wir kümmern uns um die Sicherheit aller! Wir sind Kriminal-, Sicherheits- und Verkehrspolizei. Kantonspolizei Zürich.» Und abgebildet ist eine Herde weisser und schwarzer Schafe in der grünen Natur, bewacht von einem ruhenden Schäferhund und einem Schäfer, der einen Mantel trägt, auf den Colombo stolz wäre. Hier offenbart sich die Traumwelt des guten Polizisten: Sein Leben könnte ja so einfach sein, wenn die Menschen, mit denen er zu tun hat, sich gefügig wie eine Herde Schafe dirigieren liessen. Leider hat dieses Bild einer heilen Welt nicht viel zu tun mit der rauhen Wirklichkeit, in der so viele Menschen dazu neigen, wider den Stachel zu löcken, und jedenfalls partout nicht von der Obrigkeit als Schafe behandelt werden wollen. Das ist keine Welt für Ordnungshüter, die auf ihren Hirtenstab gestützt sinnierend in der grünen Wiese stehen. Der Kantonspolizei ist daher dringend zu raten, aus ihren Träumereien wieder in den Alltag zurückzukehren und sich nicht weiter auf Schafsköpfe einzulassen – auch nicht in der Werbung. Im übrigen hofft man, das Beispiel mache nicht Schule. Man stelle sich nur einmal vor, die Steuerbehörden kämen auf die Idee, Imagewerbung zu betreiben mit geschorenen Schafen!

Leitbild-Zirkus

Erschienen am 30.09.1998 in der NZZ  unter «Nebenbei notiert»

bl. Zu den Ritualen des New Public Management gehört das Erarbeiten und Verkünden von Leitbildern (eine Entwicklungsphase, die das private Management zum grösseren Teil schon hinter sich hat). Leitbilder sind in der Regel als Selbstbeschwörungsformeln gestaltet, von denen jeder Satz mit einem grossen Wir beginnt. Weh dem, der «ich» sagt! Sogar die Eigenverantwortung kommt nur im Kollektiv vor: «Wir handeln eigenverantwortlich», müssen die dem Leitbild Unterworfenen bezeugen. Bevor sie soweit sind, haben sie sich allerdings noch etwas anderes einzuprägen: «Wir sind Profis.» Wo wahre Professionalität vorhanden ist, scheint ein solcher Spruch zwar völlig überflüssig, aber manchmal mangelt’s daran wohl etwas. Für jene, die sich überzeugen, dass sie Profis sind, gilt unter anderem auch: «Wir suchen aktiv die besten Methoden und Abläufe und wenden sie an.» Das mag banal scheinen, aber es kommt schon noch anders: «Wir definieren die Hauptprozesse und entwickeln die Kompetenz der Prozessbesitzer.» So ein Satz ist nun wirklich schwierig zu verarbeiten, und deshalb haben sich die Urheber unseres Leitbild etwas Besonderes ausgedacht: Um es an die Frau und an den Mann zu bringen, haben sie in den Zirkus eingeladen. Die Verbindung von Leitbild und Zirkusnummern, präsentiert von einer Fernsehmoderatorin, stehe im Zeichen der neuen Identität und Kultur des Unternehmens, heisst es im Einladungsschreiben. Ach, wir haben ja noch gar nicht erwähnt, dass hier die Rede ist vom Tiefbau- und Entsorgungsdepartement der Stadt Zürich und seinem Leitbild. Und eine Korrektur ist angebracht: Auf der Eintrittskarte, die jeder Eingeladene unterschreiben muss, beginnen fünf Leitbildgrundsätze mit «Ich». Unter anderem ist unterschriftlich zu bestätigen: «Ich verstehe mich als Dienstleistungsunternehmen.» Im übrigen freuen wir uns, dass es im Leitbild heisst: «Zürich ist eine saubere Stadt» – nicht «wir sind» und nicht «ich bin».

Die Facility-Manager kommen

Erschienen am 21.6.1999 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»

bl. In der Schweizer Wirtschaft zeichne sich eine starke Nachfrage nach Facility-Managern ab, und deshalb werde erstmals im Rahmen des neuen Fachhochschul-Studienganges Ökotrophologie eine entsprechende Ausbildung angeboten, entnehmen wir einer Presse-Einladung. Aha. Was ist denn Ökotrophologie? Es ist eine offenbar in Deutschland geschaffene Bezeichnung für Ernährungs- und Haushaltswissenschaften; man kann dort an verschiedenen Fachhochschulen bereits den Titel Dipl. oec. troph. (FH) erwerben. Es scheint ein lustiges Studium zu sein, wenigstens nach den Internet-Seiten zu urteilen, mit denen der Fachbereich präsentiert wird: Die Fachhochschule Münster illustriert das mit Pieter Breughels Bauernhochzeit, die Fachhochschule Anhalt hält eine Wilhelm-Busch-Zeichnung bereit, mit Witwe Bolte, die gerade im Keller Sauerkohl holt, während Max und Moritz auf dem Dach durch das Kamin nach den brutzelnden Hühnern angeln. Es dürfte sich lohnen, diese Situation auch einmal ökotrophologisch aufzuarbeiten. Aber damit ist uns der Facility-Manager ja noch nicht nähergebracht. Mit unserem Englisch, das wir eben nicht in der Primarschule gelernt haben, stehen wir am Berg: Der Ausdruck facility ist ein Sammelbegriff (soweit er nicht in der engeren Bedeutung von Leichtigkeit angewendet wird) für Einrichtungen, Anlagen, Systeme, Bauten, Institutionen, Dienstleistungen, kurz Dinge, die irgendwie einem bestimmten Zweck dienen, nützlich oder hilfreich sind. Also werden die Facility Manager wohl schon etwas Nützliches in Schwung halten. Eine Autovermietung kann zu den facilities zählen, eine Schuhputzmaschine auch, so gut wie eine Bibliothek, ein Coiffeursalon, ein Faxgerät, eine Fachhochschule oder ein Kindergarten. An manchen Orten werden auch die gewissen Örtchen schamhaft als facilities bezeichnet – aber nur in englischsprachigen Ländern, in denen Ökotrophologie ein unbekannter Begriff ist und folglich auch kein Dipl. oec. troph. das Management übernehmen kann. Somit ist immer noch nicht klar, was denn eigentlich ein Facility-Manager genau zu tun hat. Aber schliesslich gibt es ja eine Maintenance and Facility-Management Society of Switzerland, die bis vor kurzem noch Schweizerischer Verein für Instandhaltung hiess. Sie hat das Ziel, «das Fachwissen der Instandhaltung von Anlagen (Bauten, Betriebsmittel, Produktionsmittel, Infrastruktur, usw.) zu fördern». Jetzt ist uns alles klar – bis auf den Unterschied zwischen Maintenance und Facility-Management. Aber der wird einem altmodischen Redaktor, der es noch nicht einmal bis zum Print Media Document Manager gebracht hat, wohl immer verborgen bleiben.

HR im städtischen Amt

Erschienen am 11.2.1999 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»

bl. Ein städtisches Amt sucht per Inserat offenbar einen neuen Personalchef beziehungsweise eine Personalchefin. Aber das ist zu einfach gesagt. Im Zeichen des New Public Management inseriert man jetzt für eine beziehungsweise einen «Human Resource Managerin/Manager». Schliesslich hat sich dieses Amt ja «grundlegend neu organisiert», wie im Inserat mitgeteilt wird; nun hat es eine «Unternehmenskultur», und diese «beruht auf einer wirkungs- und prozessorientierten, flexiblen Arbeitsweise». Da braucht es auch ein «visionäres, auf die künftigen Anforderungen ausgerichtetes Personalmanagement», und «die Herausforderung besteht darin, den anspruchsvollen Change-Management-Prozess aktiv mitzugestalten und im Personalbereich umzusetzen»: etwas für «eine kommunikative und kontaktfreudige Persönlichkeit» mit der Gabe, «hohe Sozialkompetenz sowie wirtschaftliches Denken und Handeln auf sich zu vereinigen». Man kann sich doch nicht wie früher einfach umsehen nach einer Persönlichkeit mit Menschenkenntnis, die mit den Leuten zu reden und umzugehen weiss und etwas von Betriebsorganisation versteht.
Was die neue Stellenbezeichnung betrifft, so wäre anzumerken, dass das englische Wort resource vom Französischen ressource stammt – gleich wie das im Deutschen geläufige Fremdwort Ressourcen, mit dem unter anderem Betriebsmittel bezeichnet werden: Finanzen, Technik, Rohstoffe, Menschen. «Menschliche Ressourcen» tönt immerhin nicht ganz so unmenschlich wie Menschenmaterial. Ausdrücke aus dem Französischen gelten heutzutage aber mehr, wenn sie über das Englische zu uns kommen, somit schwieriger auszusprechen sind und für die kommunikative Kompetenz zu Stolpersteinen werden. So hat man auch in dem erwähnten städtischen Amt nicht bemerkt, dass im Englischen human resources im Plural üblich ist und manageress die weibliche Form von manager wäre. Aber die amtliche Unternehmenskultur ist in ihrer Wirkungsorientierung wohl nicht darauf ausgerichtet, dass man das Englische, mit dem man um sich wirft, auch noch richtig beherrscht.
Englische Ausdrücke haben in der Regel den Vorteil, dass sie knapper sind als deutsche, aber eben nicht immer: Wenn der viersilbige Personalchef zum achtsilbigen Human Resources Manager aufgebläht wird, so fragt man sich schon, was denn das bringen soll – zumal im Falle dieses städtischen Amtes, wo es sich nur um einen 50-Prozent-Job handelt. Aber den Leuten kann geholfen werden: Der im Englischen erst seit etwa dreissig Jahren verbreitete Ausdruck human resources ist als unhandlich anerkannt und wird daher mehr und mehr durch die Abkürzung «HR» ersetzt. Wenn das kein Fortschritt ist!


Anmerkung des Autors: Eine Anfrage in jüngerer Zeit, ob die Verwaltung der Stadt Zürich (mit ü-Punkten) zur Vermeidung überflüssiger Anglizismen nicht wieder zur Bezeichnung Personalamt statt Human Resources Management zurückkehren könnte, ist abschlägig beantwortet worden. Der Hinweis auf die kantonale Verwaltung mit ihrem Personalamt oder den Zentralen Personaldienst des Kantons Basel-Stadt wurde als nicht stichhaltig bezeichnet, da eine solche Bezeichnung dem Aufgabenkreis des Stadtzürcher Human Resources Management nicht gerecht werde – und dies, obwohl die Gemeindeordnung der Stadt Zürich dem Finanzdepartement einfach die Besorgung der stadtweiten Personalaufaben zuweist.

Die Entenfrage

Erschienen am 6.10.1998 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»

bl. Häufig gestellte Fragen sind im Bereiche der Informatik sozusagen zu einer Institution geworden – selbstverständlich unter der englischen Bezeichnung Frequently Asked Questions, wofür man die Abkürzung FAQ verwendet, damit es so richtig Freude macht. Die Institution ist deshalb wichtig, weil viele Computerbenützer mit ihren System- und Anwendungsprogrammen immer wieder die gleichen Probleme haben, so dass die Hersteller die entsprechenden Fragen mit der Zeit kennen und ihre Antworten gleich für alle Problembeladenen öffentlich bekanntgeben. Eigentlich geht es bei FAQ also weniger um die Fragen als vielmehr um die häufig erteilten Antworten, die übrigens manchmal sogar hilfreich sind.
Nun hat auch die Stadt Zürich auf ihren Internetseiten unter dem Stichwort «Hilfe» eine Rubrik «FAQ (Frequently Asked Questions) zu Zürich» eingeführt. Das macht neugierig. Wir stossen auf eine Liste mit 15 Fragen, die offenbar die Zürcher in den Beziehungen zu ihrer Stadt am meisten beschäftigen. Eine davon lautet: «Was muss ich tun, wenn auf meiner Gartenterrasse Enten brüten?» Das ist gewiss eine berechtigte Frage, und es ist beruhigend zu wissen, dass die Seepolizei, der Enten Freund und Helfer, da mit Rat und Tat beistehen kann. Wichtig ist einfach, dass man gleich nach dem Schlüpfen der Kücken die Einsatzzentrale benachrichtigt, weil es gilt, das Muttertier samt den Kleinen schonend einzufangen und ungefährdet zum Wasser zu bringen, wofür die Polizei über die nötigen Gerätschaften verfügt. Sonst könnte es passieren, dass Frage 9 auf der Stadtzürcher FAQ-Liste aktuell wird: «Wie entsorge ich ein totes Tier?» (Frage 10 lautet übrigens: «Ein Mensch ist gestorben – woran ist zu denken, was ist zu tun?»)
Doch zurück zu den Lebenden, mit einer nicht oft gestellten Frage an die Politiker: Können die Stadtzürcher Enten sich darauf verlassen, dass im Falle einer Kantonalisierung der Seepolizei ihrem berechtigten Wunsche nach Aufrechterhaltung des Enteneinsatzdienstes Rechnung getragen wird, oder sollen die Tiere nicht mehr auf Gartenterrassen brüten? In der Computerbranche würde vermutlich zum Wechsel des Brutplatzes geraten.

Radeln für Zürich

Erschienen am 23.09.2000 in der NZZ unter «Nebenbei notiert»

bl. Es trifft sich gut, dass Zürich im Präsidialjahr Rita Fuhrers Gastkanton an der Olma ist; denn das ist ein Anlass der Selbstdarstellung unseres Kantons, und wer könnte da besser mittun als unsere rührige Regierungspräsidentin? Nächstens wird in Zürich eine Medienorientierung darüber stattfinden, was die diesjährige Olma nebst der Präsenz des Gastkantons zu bieten hat an Ausstellungssektoren, Sonderschauen, Tiervorführungen. Rita Fuhrer will aus diesem Anlass eine Velo-Rundfahrt durch die Stadt unternehmen, und die Medienschaffenden sollen sie zu Rad begleiten. Motto: «Typisch Zürich – ein Kanton in Bewegung.» (Manchmal weckt so ein Slogan, man kann nichts dafür, unpassende Assoziationen, die einem nicht mehr aus dem Kopf wollen; hier ist es die «Hauptstadt der Bewegung», die aus dem Schatten der Geschichte Münchens auftaucht – aber lassen wir das.)
Für die Medienvertreter stellt sich nun eine Grundsatzfrage: Gehört es zu den journalistischen Pflichten, aufs Velo zu steigen und mitzumachen, wenn die Regierungspräsidentin mit Eskorte durch die Stadt Zürich radeln will? Es gibt eine Usanz, dass die Journalisten an Anlässen, die sie als Berichterstatter verfolgen, nicht applaudieren; das soll zeigen, dass sie kritische Distanz wahren und sich nicht vereinnahmen lassen. In diesem Sinne sollten sie eigentlich auch widerstehen, wenn versucht wird, sie zu Figuranten von PR-Auftritten zu machen. Übrigens: Es ist schön, dass die Regierungspräsidentin eine begeisterte Radfahrerin ist. Andere Mitglieder des Regierungsrates treiben allerdings auch Sport – nur stellen sie es weniger zur Schau.